Dienstag, 18. August 2015

Neue Diagnose - oder alte Unterhose??

Dann aber eine sehr alte, die ich anscheinend fleißig in dem hintersten Winkel meines Schrankes horte, denn ich weiß, dass es schon einmal um 2008 herum im Raum stand - die Dysthymie

Damals war ich in tagesklinischer Behandlung und mein dortiger Therapeut äußerte es nur als vage Vermutung - ohne feste Diagnose. Danach recherchierte ich im Internet mit dem Ergebnis: "Das habe ich sicher nicht! - Restzweifel allerdings auch nicht ausgeschlossen!"
Meine neue Psychotherapeutin äußerte jetzt, knapp 7 Jahre später, eine ähnliche Vermutung. Aus heutiger Sicht ist es für mich gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Durch eine umfangreiche Anamnese mit allem Pipapo wie Fragebögen soll geklärt werden, in welche der vielen diagnostischen Schubladen ich denn nun gehöre. Das waren in meinem Leben mit professioneller Hilfe schon einige - nur wenige davon waren wirklich richtig und zutreffend.

Was ist also diese Dysthymie?


Die Symptomatik ist wie bei einer Depression - wenig Antrieb, Interessenverlust, Motivationslosigkeit, keine Empfindung von Freude, starke Hoffnungslosigkeit etc.
Laut ICD-10 (Internationale Klassifikation von Erkrankungen) liegen diese Symptome in gemilderter Form über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren vor, so dass die Diagnose einer depressiven Episode nicht gestellt werden kann. Allerdings verschweigt diese Beschreibung, dass während einer Dysthymie sehr wohl rezidivierende depressive Episoden vorkommen können. Das kann die Erkrankung zu einem großen, lang anhaltenden Leiden machen.
"Mildere Formen von Dysthymia können dazu führen, dass man Situationen vermeidet, in denen Stress, Ablehnung oder Fehlschlag möglich sind. In ernsteren Fällen von Dysthymia zieht man sich möglicherweise sogar von alltäglichen Tätigkeiten zurück und findet wenig Freude an gewöhnlichen Unternehmungen und Zeitvertreib. Die Diagnose von Dysthymia kann sich als schwierig gestalten, denn die Symptome sind unterschwelliger Natur und können von den Patienten in sozialen Situationen oft gut versteckt werden, was es für Andere schwierig macht, sie zu entdecken." (Wikipedia Dysthymie)
Diese Beschreibung passt schon einmal zu mir wie die Faust aufs Auge! Ich vermeide es von anderen abgelehnt zu werden, in dem ich mich immer unter Kontrolle halte. Deswegen bin ich  in sozialen Situationen häufig innerlich angespannt. Wobei es mir im Gegensatz zu meiner Jugend schon wesentlich leichter fällt mit anderen in Kontakt zu treten. Mir sagte vor einigen Wochen eine Freundin, dass sie nie gedacht hätte, wie schwer mir Gruppenkontake fallen. Es hätte an der Uni so gewirkt als wäre das ganz einfach für mich. Nur was so einfach erscheint, kostet uns Betroffene eine Menge an Energie. Stellt euch vor ihr müsstet über alles, was ihr sagt und tut, vorher eine gedankliche Auseinandersetzung mit anschließender Kontrolle führen.

Woher kommt eine Dysthymie?

"Allerdings gibt es Hinweise, dass Dysthymia zumindest teilweise genetisch bedingt sein kann, da sich Fälle von Dysthymia in Familien häufen [...] Andere Faktoren, die mit Dysthymia verknüpft sind, sind Stress, soziale Isolation oder das Fehlen von sozialer Unterstützung." (Wikipedia Dysthymie)
Wenn ich meine Familie betrachte, könnte der genetische Faktor ein wichtiger Hinweis sein. Mein Vater leidet an einer Zwangserkrankung und schwankte schon während meiner Kindheit zwischen Verzweiflung und Aggression. Meine Mutter kann mit Emotionen anderer Menschen nicht umgehen; ich vermute es macht sie hilflos. Ich hatte von Seiten meiner Familie keinen sozialen Hinterhalt - ich könnte mir vorstellen, dass das ein Grund war, wieso ich für Mobbing in der Grundschule sowie auf dem Gymnasium das perfekte Opfer abgab. Ich hatte nie gelernt mich in einem größeren sozialen Umfeld zu bewegen, ohne gleich jeden als Feind zu sehen.

Die Doppeldepression (double depression)

Wie ich bereits weiter oben erwähnte, können auch bei Menschen mit einer Dysthymie depressive Phasen auftreten. Das nennt sich Doppeldepression.
"Das Risiko, eine schwere Depression zu entwickeln, ist für Menschen mit Dysthymia höher als durchschnittlich. In einer zehnjährigen Studie stellte sich heraus, dass 95 % der Dysthymiapatienten eine depressive Episode erlebt hatten." (Wikipedia Dysthymie)
Ehrlich gesagt finde ich die Zahl erschreckend hoch. Die Therapie erfolgt aus meiner Sicht nicht anders als bei einer Depression. Am hilfreichsten bewährte sich die Gabe von Antidepressiva (denen gegenüber ich nach mittlerweile 8 Jahren eher negativ eingestellt bin) und einer Psychotherapie - die kognitive Verhaltenstherapie ist nachweislich sehr effektiv. Das macht mir Hoffnung auf meinem weiteren Weg!

Auf Wikipedia sind alle wesentlichen Informationen zusammengefasst und ihr könnt euch die Diagnosekriterien der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie anschauen. Falls ihr euch hier in einigen Punkten wiedererkannt haben solltet, könnt ihr dort genauer nachlesen. Allerdings ersetzt das Internet oder auch online Tests nie eine fachärztliche Diagnose.

Wie gehe ich jetzt also damit um, wenn bei mir wirklich eine Dysthymie mit immer wiederkehrenden depressiven Episoden diagnostiziert wird? Gibt es Hoffnung diese Krankheit jemals ganz loszuwerden?
Eigentlich ist es fast egal wie es sich nun schimpft - viel wichtiger ist zu schauen, was ich dagegen tun kann -  was mir persönlich in meiner einzigartigen Situation helfen kann. Deshalb hoffe ich so sehr mit der neuen Therapeutin zusammen einen Weg zu finden, der mir hilft nicht an jedem Stolperstein hängen zu bleiben und in das nächste Erdloch zu fallen. Oder um auf die olle Unterhose zurückzukommen: Es wird Zeit auszusortieren und mir neue Höschen zu besorgen!

Kommentare:

  1. Hey du,
    danke für den tollen, informativen Beitrag! Ich würde dir sehr wünschen, dass du mit deiner neuen Therapeutin Wege für dich findest und das wirst du bestimmt. Und neue Höschen sind nie schlecht;-) Grins. Liebe Grüße, Überlebenskünstlerin
    Die Überlebenskünstlerin

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    1. Liebe Überlebenskünstlerin
      ich finde deinen Name total toll, denn es zeigt wieviel Kraft und Mut in dir steckt! Danke für deinen Kommentar. Ich bin voller Hoffnung, dass mir die neue Therapie echt etwas bringt, so dass ich neue Wege finde mit meinen Depressionen umzugehen. Neue Höschen gibt es definitiv mal wieder :-)
      Nur nicht vergessen die alten wirklich wegzuschmeißen!

      Annie

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